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Falsche Vernunft: Zur Sparpolitik an Uni und co.

Plakat Austeritätspolitik

Datum: 16.04.2026

Ort: GalileA FU. Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin

Am 16. April 2026 findet im GalileA der FU unser Abend zur Austeritätspolitik statt. Zu dem Thema "Falsche Vernunft: Zur Sparpolitik an Uni und co." gibt es Vorträge von unserem Verein sowie dem allgemeinen Studierendenausschuss der Freien Universität. Hier ein Begleittext:

Ökonomischer Imperialismus

Nicht zu verwechseln mit der geopolitischen Nutzung des Begriffs.

Beim ökonomischen Imperialismus wird die Logik der modernen Wirtschaftswissenschaften allen möglichen Fachbereichen übergeordnet. Die Medizin, Bildung, Politikwissenschaften und allgemein Vorstellungen gesellschaftlichen Zusammenlebens, alles spielt nach dem Takt des Marktkapitalismus. Ein Versuch über den Triumph der liberalen Theorie und die Auswirkungen.

Präferenzen

Aus dem Streben des Einzelnen nach Eigennutzen kann eine soziale Ordnung entstehen. So lautet das moralphilosophische Destillat, welches ausgehend von der klassischen politischen Ökonomie des späten achtzehnten Jahrhunderts bis hin zur heutigen Neoklassik (die jedes wirtschaftswissenschaftliche Curriculum beherrscht) einen schier endlosen Siegeszug feiert.

Der Mensch erhält mit ihm ein neues Wertesystem. Anstelle von Familie, Königshäusern oder Gottheiten, anstelle von moralischen Fragen nach Gut und Böse, Segen oder Sünde, tritt eine neue, normfreie Norm auf, die befiehlt, dass ein jeder jedes Ereignis und jede Konsequenz aus jeder möglichen Entscheidung in Eigennutzen und -nachteil sortieren sollte, auf dass aus der Interaktion solcher Akteure ein allgemein erwünschertes Gefüge entstehe.

Das ist der Ursprung eines akademischen Exportmodells: dem ökonomischen Menschen. Um beschriebener Pflicht nachkommen zu können, muss ihm eine unwidersprüchliche und vollkommene Präferenzordnung unterliegen, die seine beobachtete Welt in die Nutzenwelt übersetzt. Kommuniziert werden diese Informationen von individuellen Wertschätzungen, gemischt mit dem jeweiligen Budget über den Markt. Es werden Preissignale und Transaktionen. Das Ergebnis jenes Marktprozesses maximiert im Modellfall den aggregierten Nutzen, ohne Rücksicht auf Verteilungsfragen.

Was genau der ökonomische Mensch darstellen soll, ob modellierte Realität, erstrebenswertes Ziel oder ein historisches Relikt aus einer Zeit, in der das Pochen auf individualistisches Streben versprach, verschwenderischen Adel durch eine neue „meritokratische“ Klasse zu ersetzen, darüber gibt es keinen akademischen Konsens. Überwiegen tut jedoch die Ahnung, dass der nach Präferenzen handelnde Mensch zunächst im Modell stattgefunden hat und sich durch kapitalistische Praxis sein Ebenbild auf Erden schaffen konnte. Dem Egoismus, Gier und Geiz werden kein Einhalt mehr geboten. Im Gegenteil, sie werden zum integralen und erwünschten Bestandteil unserer sozialen Ordnung.

Humankapital

In den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erlebt die klassische Ökonomie eine Wiedergeburt. Der Aufstieg des Neoliberalismus ist Inhalt vieler Untersuchungen, zumal seine Logik immer schrankenloser auf alltägliches Leben einwirkt. Festgemacht an den Amtszeiten von Ronald Reagan und Margaret Thatcher, eng verflochten mit der Chicago School of Economics, Sieger des Kalten Krieges, wie der konservative Kolumnist George Will unmittelbar nach dem Fall der Sowjetunion bilanzierte. Doch dieser Sieg wurde selbst aus eigenen Reihen mit Misstrauen betrachtet.

Die „entwickelten“ Wirtschaften waren durchweg sozialdemokratisch und voll von verhasstem Staatsstreiben. Mit der Sowjetunion brach lediglich die Schranke für weitere liberale Systemprogramme, weiteres „Purging“ von Regulierungen – eine Entwicklung, die Quinn Slobodian in seinem Buch Hayeks Bastards überzeugend darlegt. Der ökonomische Mensch kristallisiert sich hier mehr und mehr als ein Idealbild heraus. Ein Sollzustand, der durch unkritische Umsetzung neoliberaler Politiken erreicht werden kann.

Dabei stehen sich widersprüchlich das theoretische Bestehen auf eine Ontologie des Menschen – „Sein Wesen ist nun mal egoistisch“ – und eine Praxis gegenüber, die aufzeigt, dass selbst die Theoretiker um seine Abwesenheit wissen und der Anbruch der Zeit des ökonomischen Menschen erzwungen werden muss. Ein Versuch, diesen Widerspruch zu lösen, findet sich ebenfalls zu Beginn des Neoliberalismus: Der ökonomische Mensch wird eine heuristische Annahme. Modelle sollen empirisch testbar sein, auch wenn kein Individuum den konkreten Annahmen entspricht. Blinder Fleck solcher Versuche ist, dass das Marktgeschehen rückgekoppelt ist mit eben jenen Modellen, da sie in Form politischer Entscheidungen ihre eigene Prophezeiung selbst erfüllen können.

Dabei werden die Entscheidungsmöglichkeiten des Akteurs erweitert. Mit der Humankapitalfunktion von Jacob Mincer wird der Mensch als Produktionsfaktor selbst Gegenstand von Investments. Bildung und Gesundheit werden ausschlaggebend für seine Produktivität, die sich bei idealen Marktbedingungen im Einkommen widerspiegeln soll. Ein Bildungsweg schlägt sich direkt im Preisgeschehen nieder und auch ein Gesundheitssystem kann einzig durch seinen Beitrag zur gesamtwirtschaftlichen Produktivität bepreist werden.

Die liberale Universität

Der Kostenbedarf einer Universität, die der liberalen Logik untergeordnet ist, wird mit zukünftigen Erträgen gerechtfertigt. Dabei ist strittig, ob diese zeitliche Finanzierungslücke privat oder staatlich überbrückt werden soll.

Für staatliches Eingreifen argumentieren diejenigen, die Marktversagen diagnostizieren – etwa durch Bildungsexternalitäten. Bildung hat positive Auswirkungen auf das Umfeld, die der ökonomische Mensch nicht einbezieht. Ein allwissender Staat könnte die gesellschaftlich optimale Menge herbeisubventionieren. Stimmen aus dem noch liberaleren Spektrum weisen auf Preisverzerrungen hin und raten dazu, Bildungsinvestitionen privat über Schulden zu finanzieren, die vom zukünftigen Einkommen getilgt werden.

Auch wenn diese Konfrontation – Sozialdemokratie vs. Liberalismus – zentral scheint, unterliegt beiden Herangehensweisen eine Gemeinsamkeit: Der Wert dieser Güter wird an künftiger Produktivität bemessen. Bildung ist demnach nur ein lohnenswertes Investment für diejenigen, die hochproduktive Jobs erwarten. Arbeit am Menschen (Lehrkräfte, Erzieher:innen) mangelt es an relativer Produktivität, da technischer Fortschritt wenig an der Arbeitsintensität eines würdevollen menschlichen Lebens ändert.

Dazu kommt ein marxistisches Argument, welches die Frage der Wertschöpfung stellt. Es ist nicht falsch, das gültige Wertesystem zu hinterfragen, gerade wenn es in digitalen Wettbüros eine ökonomische Revolution erkennt, realwirtschaftliche Halluzinationen mit Abermilliarden bewertet und dabei die Augen verschließt vor dem Wert des grundlegendsten Gutes: der Bildung.